Interferometer (in Arbeit)

seit 2020

Xenophon, Memorabilia, 4. Buch 10

"Nein, Sokrates, sagt Aristoteles, ich verachte keineswegs die Gottheit, sondern ich halte sie für zu groß, als daß sie meiner Verehrung bedürftig wäre. Gerade je größer sie ist und doch sich deiner annehmen will, um so mehr musst du sie verehren. Sei überzeugt, wenn ich glaubte, daß die Götter um die Menschen sich etwas bekümmern, so würde ich sie nicht vernachlässigen.

So glaubst du also nicht, daß sie sich um uns bekümmern, sie, welche erstens dem Menschen von allen Wesen allein die aufrechte Stellung gaben, welche ihn fähig macht, daß er nicht nur weiter in die Ferne sehen, sondern auch das, was über ihm ist, besser betrachten und sich besser dem Ungemacht entziehen kann;

sodann haben sie den übrigen Thieren Füße gegeben, welche nur das Gehen möglich machen, dem Menschen aber haben sie auch noch Hände verliehen, welche das Meiste zustande bringen von dem, was wir jenen voraushaben. Und während doch alle lebenden Wesen eine Zunge haben, haben sie nur die des Menschen so geschaffen, daß sie das eine Mal an dieser, das an jener Stelle den Mund anschlagend die Stimme gliedert und ausdrückt, was wir uns untereinander mitteilen wollen. Und auch den Genuß der Liebe haben sie bei den übrigen lebenden Wesen auf eine gewisse Jahreszeit beschränkt, uns dagegen gewähren sie ihn ununterbrochen bis zum Greisenalter. Die Gottheit aber begnügte sich jedoch damit keineswegs, bloß für den Körper zu sorgen, sondern, was die Hauptsache ist, auch die vorzüglichste Seele hat sie den Menschen eingepflanzt, denn wo giebt es ein anderes lebendes Wesen, dessen Seele erstens die Existenz von Göttern, die das Größte und Schönste geordnet haben, wahrnimmt und anerkennt? Welches andere Geschlecht, als die Menschen, verehrt die Götter? Welche Seele endlich ist fähiger als die menschliche, sich gegen Hunger oder Durst, gegen Kälte oder Wärme zu schützen, Krankheiten zu heilen, die Körperkraft zu üben, oder zum Lernen sich anzustrengen oder im Gedächtnis zu behalten, was sie gehört oder gesehen oder gelernt haben?"